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Schlagwort: Chomsky

Der seltsame Fall des Jakob Augstein

Jakob Augstein ist Deutschlands linkes Gewissen. Dabei tragen seine Moralvorstellungen durchaus perverse Züge. Ein Versuch über die Irrwege des Linksseins.

Was bedeutet es eigentlich, links zu sein? Der Begriff ist schwammig und kaum mehr in der Lage, eine widerspruchsfreie Positionsbestimmung vorzunehmen. Ein Beispiel: Es ist ein lang gehegter Traum der Linken, feste Staatsgrenzen und das Nationalitätsprinzip zu überwinden. Geht es aber um den Handel von Waren und Dienstleistungen, können die Mauern zwischen verschiedenen Staaten nicht hoch genug sein. Und während die anarchistische Linke mit der Auflösung des Staatsapparats liebäugelt, würde die kommunistische und sozialistische Linke ihn gerne vergrößern. Sowohl was den Ausbau des Sozialstaats, als auch die behördliche Regulierung von Bildungs-, Wirtschafts- und Finanzwesen angeht. Würde man die anarchistische und sozialistische Linke also entlang eines politischen Spektrums verorten, müsste man je nach Themenfokus die seltsame Feststellung machen, dass die unisono als rechtshysterisch eingestufte amerikanische Tea-Party-Bewegung zwischen „anarchistisch“ und „sozialistisch“ ihr politisches Zuhause hat. Kann ja jetzt irgendwie nicht sein.

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Will the real linke lady please stand up?

Vielleicht ist es hilfreich, ein bisschen mehr Abstand von konkreten politischen Fragestellungen zu nehmen, und darüber nachzudenken, was die grundlegenden Prinzipien linken Denkens sind. Hier ein sehr grober Bestimmungsversuch in 40 Worten. Ein waschechter Linker sollte meiner Meinung nach den folgenden Aussagen ohne Zögern zustimmen können:
1) Das höchste Gut im Leben ist die Gerechtigkeit (gemeint ist jene Gerechtigkeit, die sich gut mit der Gleichheit versteht).
2) Die Schaffung einer gerechten Welt ist die Hauptaufgabe der Politik.
3) Zu viel Macht in den Händen weniger Menschen führt ins Verderben.
Ich persönlich habe immer größere Schwierigkeiten, mich als „links“ zu identifizieren, selbst wenn ich mit vielen linken Positionen sympathisiere. Das liegt vor allem an den ersten beiden Punkten, deren sozialutopische Komponente mir Angst macht. Ja, Gerechtigkeit ist ein Ideal, das jede Gesellschaft anstreben sollte, aber nicht um jeden Preis. Ja, Politiker sollten Ideale haben, aber sie sollten die Gesellschaft nicht als Modellbaukasten begreifen. Jedenfalls war ich in den Tagen und Wochen nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl zum ersten Mal in meinem Leben wirklich heilfroh darüber, kein Linker zu sein. Ich möchte dieses Gefühl erklären, und zwar anhand der Person Jakob Augsteins, Deutschlands wohl prominentestem Linksvertreter (ohne politisches Mandat).

Jakob Augstein schreibt eine Kolumne („Im Zweifel links“) für den Spiegel, ist Herausgeber der Wochenzeitung Der Freitag und fetzt sich auf Phoenix regelmäßig mit dem stellvertretenden Bild-Chef Nikolaus Blome. Im Berliner Gorki-Theater führt er im Namen des radio eins und Freitag Salons regelmäßig Podiumsgespräche mit Menschen aus Politik und Gesellschaft, und auch er selbst ist immer wieder Gast in den TV-Talks der öffentlich-rechtlichen Sender. Wer sich nach dem Ende der amerikanischen Präsidentschaftswahl für die Meinung Augsteins zur Weltlage interessiert hat, konnte folgendes von ihm lesen oder hören: „Es ist das Ende dieser westlichen Form von Demokratie.“ „Wir stehen an der Schwelle zu einem autoritären Zeitalter.“ „Donald Trump ist kein Rechtspopulist, er ist ein Faschist.“ „Die Wahl Donald Trumps ist das Ende des Westens.“ „Es ist over, es ist vorbei.“

Schluck.

Aber wer will es Augstein verübeln, dass er so ein Schwarzmaler ist? Am Ende könnte er ja Recht behalten, wer weiß das schon. Es ist auch nicht dieser abgrundtiefe Pessimismus in seinen Aussagen, der mich so seltsam anwidert. Die Welt nach dem 8. November ist eine andere geworden. Der Untergang unserer Zivilisation mag ein noch immer sehr unwahrscheinliches Szenario sein, aber das ändert nichts daran, dass er mit Trumps anstehender Präsidentschaft um ein Vielfaches wahrscheinlicher geworden ist. Nur: Augsteins Pessimismus ist nicht aufrichtig. Er ist eine Pose. Das wird deutlich, wenn man einer Aussage wie „Die Wahl Donald Trumps ist das Ende des Westens“ folgende, von kurz vor der Wahl, gegenüberstellt: „Trump wäre in der Frage von Krieg und Frieden vermutlich die bessere Wahl als Clinton.“ Ah ja. Hm. Haben die Amerikaner per Stimmzettel das Ende des Westens eingeleitet und gleichzeitig in Sachen Friedenspolitik „die bessere Wahl“ getroffen? Beides, indem sie Trump zum Präsidenten gemacht haben? Wie geht das zusammen? Erstaunlich gut, vorausgesetzt man ist Moralmasochist.

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Jakob Augstein: smart, schön, gefährlich.

Exkurs: Psychogramm eines Moralmasochisten

Der Moralmasochismus ist ein Fetisch, dem man vor allem innerhalb des linken politischen Spektrums reicher westlicher Industrienationen begegnet. Seine Anhänger sehen in der westlichen Welt – dem Kulturkreis, dem sie entstammen – ein global agierendes Verbrechersyndikat, das in den Bereichen Täuschung, Unterdrückung und Ausbeutung tätig ist. Jeder vermeintliche zivilisatorische Vorsprung anderen Kulturkreisen gegenüber ist entweder gewaltsam erzwungen, oder eine ideologische Fabrikation, die den herrschenden Eliten der Festigung ihrer Macht dient. Der Moralmasochist durchschaut diese globalen Machtstrukturen. Nicht zuletzt deshalb, weil er als Westler einen privilegierten Zugang zu den Mechanismen der Macht und ihren Wissens- und Konsensmanufakturen genießt. In der Überzeugung, als Westler die Hauptverantwortung für alles Übel in der Welt zu tragen, gewinnt die systemische Kritik des Moralmasochisten einen ganz besonderen Glanz. Denn zeugt es nicht von charakterlicher Größe und selbstlosem Idealismus, von der Kanzel der Macht herab die eigene Scheinheiligkeit und Verkommenheit anzuprangern? Auch gewinnt seine Kritik an Glaubwürdigkeit und Brisanz: was lässt gefestigte Weltbilder eher ins Wanken geraten? Die Anklage des Unterdrückten gegen die Unterdrücker, oder die des Unterdrückers gegen sich selbst? Der Moralmasochist befindet sich in einer überaus bequemen Lage. Während der westliche Kulturkreis das Monopol der Macht innehat, verfügt er über die Deutungshoheit, Vergangenheit und Gegenwart moralisch zu bewerten. Er ist ein Kind des Systems, und daher kann nur er das System überzeugend entlarven. Das Mea culpa des Moralmasochisten ist kein Eingeständnis, es ist eine Einforderung. Niemand sonst soll vom Kuchen der Schuld ein Stück abhaben. Zum leeren Ritual verkommt diese Form der Selbstkritik in dem Moment, in dem sie sich dem Aufzeigen von Handlungsalternativen und politischen Gegenentwürfen verweigert. Die Kritik des Moralmasochisten nicht konstruktiv, sie ist nicht einmal destruktiv. Dazu fehlt ihr der echte Glaube an einen Wandel. Sie ist nichts weiter als zur Schau gestellter Selbstzweck. Die Moralmasochisten sind die linksintellektuelle Wiedergeburt der mittelalterlichen Flagellantenzüge.

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Die Flagellanten ziehen wieder um die Häuser.

Rekurs Jakob Augstein. Vor der Präsidentschaftswahl zu sagen, dass ein Sieg Trumps auf eine friedlichere Zukunft hoffen lassen würde, nur um dann nach seiner Wahl das Ende der westlichen Demokratie und die Wiedergeburt des Faschismus herbeizumenetekeln, ist selbstentlarvend. In Sachen Krieg und Frieden sei Trumps Weste, anders als die Clintons, sauber, lautete Augsteins lächerliches Argument. Doch Trump, der Reality-TV-Star und Immobilienmogul, hatte nie eine Position politischer Verantwortung inne. Seine Weste ist also nur deshalb sauber, weil er sie noch nie getragen hat. Trumps Behauptung, schon vor Kriegsbeginn gegen eine militärische Intervention im Irak gewesen zu sein, bleibt nebenbei nur das: eine Behauptung. Zwar beeilte sich Augstein, nach einem Shitstorm mittlerer Windstärke auf Facebook zu betonen, dass er seine Kolumne nicht als Wahlempfehlung verstanden wissen wollte. Doch aus der Feder eines glühenden Anti-Interventionisten (oder ist Augstein sogar Pazifist? Ich wüsste es gerne), der die USA vor allem an ihrer Außenpolitik zu messen scheint, liest sich das nicht sehr überzeugend. Kein Wort über Trumps Äußerungen zum Iran-Deal, seine ideelle Nähe zu Putins Russland, seine Abneigung gegen die NATO, seine öffentlichen Überlegungen, Atombomben einzusetzen – denn wozu sonst wären Bomben da, sinnierte Trump. Clinton mag außenpolitisch ein Falke sein. Aber Trump ist ein in wilden Spiralen abstürzender fleischfressender Flugsaurier, eine erratisch tickende Zeitbombe. Und festzuhalten bleibt, dass Augstein diese kurz vor der Wahl als bessere Option für den Frieden bezeichnet hat. Damit drängt sich die Frage auf, wie ernst er es eigentlich mit den Werten meint, die er sonst hochhält.

Unter diesen Werten finden sich „Liberalismus, Toleranz und Gleichberechtigung“. Wenn es beispielsweise darum geht, den Rechtsruck in Polen oder Ungarn zu verurteilen, und damit die Abkehr von eben diesen Werten, dann ist Augsteins Kritik messerscharf und auf den Punkt. Doch wenn Angela Merkel nach der US-Wahl Trump an die fundamentalen Werte deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit erinnern will – „Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung“ – dann findet Augstein das „gaga“ und „total grotesk.“ Er fügt hinzu: „Das Beste wäre gewesen, Merkel hätte gar nichts gesagt.“ Die deutsche Kanzlerin tritt vor laufenden Kameras also für exakt jene liberalen Werte ein, für die auch Augstein vorgibt, zu kämpfen. Doch da sie die deutsche Kanzlerin ist, kanzelt Augstein ihren Aufruf als töricht ab. So klingt die Peitsche der Moralmasochisten. Was sich im ersten Moment ein wenig nach Doppeldenk anhört, ist in Wahrheit die absolut schlüssige Logik der Berufsselbstgeißler: Aus Merkels Mund sind Aussagen über Werte per se unglaubwürdig, denn sie ist eine Vertreterin westlicher Macht. Und wer ist der größte Totengräber der westlichen Werte? Der Westen selbst. Seinen politischen Führern sind sie doch längst nur noch Lippenbekenntnisse wert.

Für die Moralmasochisten ist die Herkunft des Überbringers der Nachricht von größter Wichtigkeit. Geht es nach ihnen, können Vertreter westlicher Macht – Politiker, Unternehmer, Millionäre – nie glaubwürdig für moralische Ideale einstehen. Das bleibt den Unterdrückten und Ausgegrenzten vorbehalten. Auf der anderen Seite ist es der westliche Gesellschaftskritiker, dessen Wort das größte Gewicht hat, wenn es darum geht, die Verfehlungen des Westens anzuprangern. Während also die Schwachen die Fackel universeller Werte hochhalten dürfen, ist es den Starken lediglich gegeben, am westlichen Selbstbewusstsein zu zündeln. Wer gegen dieses ungeschriebene Gesetz aufbegehrt, bekommt die Verachtung des Moralmasochisten zu spüren. Gut zu beobachten ist das im Fall Augstein immer dann, wenn er auf jene liberalen Muslime trifft, die für eine Reform, beziehungsweise eine Aufklärung des islamischen Glaubens eintreten. Die Erfahrungen, Einsichten und Expertise einer Necla Kelek oder eines Hamed Abdel-Samad wischt Augstein im TV-Talk „Unter den Linden“ mit einem verächtlichen „Ja, da haben Sie ja genau die Richtigen erwähnt, ne?“ beiseite. Warum? Weil Kelek und Abdel-Samad den Islam einer kritischen, schonungslosen Prüfung unterziehen, weil sie das Problem des Islamismus auch als hausgemacht sehen. Doch das widerspricht der allgemein linken soziologischen Lesart, welche die Operanden Kultur, Religion und Ideologie aus der Gleichung komplett herauskürzt und im Islamismus nur ein, so Augstein, „soziales Problem“ sieht: „Ich bin ja so ein langweiliger Linker, ich glaube ja immer das [Problem] liegt daran, wie es den Leuten geht. Das geht so von außen nach innen, und nicht von innen nach außen.“ Damit ist der Islamismus nur noch eine Art soziopolitisch bedingter Reflex. Individuelle Verantwortung, selbstbestimmtes Denken und Handeln haben in diesem Erklärmodell ausgeschissen. Für den Moralmasochisten ist das ein Geschenk: Schuld am Hass auf den Westen ist jetzt allein der Westen. Er allein agiert, während die islamische Welt nur in der ihr zuerkannten Rolle reagiert, der des rachsüchtigen Opfers. Merke: der Orientalismus von heute kommt von links.

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Nicht Augsteins kind of muslim. V.l.n.r.: Hamed Abdel-Samad, Necla Kelek, Ahmad Mansour, Mina Ahadi

Ist es unfair, Augstein als Orientalisten zu bezeichnen? Schon möglich. Aber sein persönliches Islambild, das er in einem Gespräch mit dem Psychologen Ahmad Mansour preisgibt, weist in eben genau diese Richtung. Augstein fragt: „Ist der Islam nicht ein bisschen die Religion der Underdogs? Also die Religion, die, um ein großes Wort zu benutzen, ein sozialrevolutionäres Potential hat?“ Klingt schon fast wehmütig. Kann man ein verklärteres Bild vom Islam der Gegenwart zeichnen? Im Gespräch mit Mansour ging es wohlgemerkt um die Radikalisierung junger Muslime. Zwar bezeichnet Augstein Islamisten und Dschihadisten nicht direkt als Sozialrevolutionäre, doch seine romantisierende Darstellung lässt dann doch ein wenig rebellischen Abglanz auf sie herab rieseln. Aber diese Rechnung ist einfach, viel zu einfach. Die islamische Welt steht seit langer Zeit auf der Verliererseite der Geschichte, der Westen auf der Gewinnerseite – getragen von Aufklärung, technischem Fortschritt und dem Siegeszug des von Augstein bei jeder Gelegenheit dämonisierten Kapitalismus. Haftet somit nicht jeder gegen den Westen gerichteten ideologischen Bewegung – auch dem Islamismus – das edle Motiv des Gerechtigkeitskämpfers an? Ist man nicht immer ein bisschen für die Underdogs? Aber wieder gewinnt man den Eindruck, dass Augstein es mit Werten am Ende nicht ganz so ernst meint. Denn „Liberalismus, Toleranz und Gleichberechtigung“ wird das dem politischen Islam innewohnende „sozialrevolutionäre Potential“ mit Blick auf die Realität eher nicht freisetzen. Aber Scham ist ein starkes Gefühl, und der Moralmasochist schämt sich für das Privileg, im Westen aufgewachsen zu sein. Er fühlt sich schuldig, Elend, Krieg und Tyrannei nicht am eigenen Leib erfahren zu haben. Klammheimlich fiebert er ein bisschen mit jenen Kräften mit, die sich das Ende des Westens hochoffiziell auf die Fahne geschrieben haben.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es diese verdruckste Schadenfreude war, die Augsteins apokalyptische Weissagungen nach der Wahl Trumps durchströmte. Das ist natürlich frei interpretiert, aber ohne diese Interpretation ergibt Augstein für mich einfach überhaupt keinen Sinn. Das eine Standbein des Moralmasochisten ist das Bestehen auf die eigene Schuld am Bösen in der Welt. Das andere ist das Verweigern eines konstruktiven Dialogs. Aber wie wäre es zur Abwechslung hiermit: Welche positiven Lehren ziehen wir aus der Geschichte des Westens? Gibt es Dinge, die wir feiern können? Was können wir in Zukunft ändern, ohne die Welt komplett einzureißen? Was ist die Vision? Wenn ich Augstein lese und höre, vermisse ich diese positive Grundhaltung. Das klingt vielleicht naiv. Aber Schuldneurosen und Selbsthass sind nun mal keine produktiven Kräfte (abgesehen davon sind sie, die Geschichte des Westens betreffend, etwas überansprucht worden, aber das würde den Rahmen dieses Textes sprengen). Mag sein, dass dieses Schuldgesuhle in einer chaotisch wirkenden Welt dem eigenen Gewissen etwas Abkühlung verschafft. Aber was weiter? Das Versinken in Selbstbezogenheit und Apathie ist keine Option. Augstein und die Riege der Moralmasochisten sind bei aller aggressiv zur Schau gestellten Systemkritik zahnlose Tiger. Der britische Journalist Nick Cohen erzählt in einem Interview davon, dass die Wohnzimmerregale einiger der reichsten Londoner Bürger, bei denen er zu Gast war, vollgestellt sind mit Büchern Noam Chomskys. Jene Menschen also, die am meisten vom gegenwärtigen System profitieren, lesen ausgerechnet den Mann, der das gegenwärtige System am heftigsten kritisiert. Warum, fragt sich Cohen. Weil selbst die vernichtendste Kritik ohne ein positives Gegenprogramm im Angebot nicht die geringste Bedrohung für den Status quo darstellt.

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Postfaktisch ist das neue postmodern.

Zurück zum Ausgangspunkt des Textes. Warum bin ich froh, in Tagen wie diesen kein Linker zu sein? Als ich nach Trumps Wahlsieg wieder in die etwas grauer und kälter gewordene Realität zurückgefunden hatte, tat ich erst einmal folgendes: Ich suchte im Netz nach Stimmen, die ich in der Vergangenheit ihrer Vernunft, Klarsicht und Menschlichkeit wegen zu schätzen gelernt hatte. Ich wollte wissen, wie sie die anstehende Präsidentschaft Donald Trumps einordneten. Ich wollte für den ersten Moment ein bisschen beruhigt und getröstet werden. Aber vor allem wollte ich Mut zugesprochen bekommen. Ich wollte, dass sich die nach dem 8. November breitgemachte Schockstarre auflöste, und sich so etwas wie eine trotzige, renitente Zuversicht mit Blick auf die kommenden vier Jahre einstellte. Ohne dabei angelogen oder die Realität schöngeredet zu bekommen. Ohne dem allgemeinen Normalisierungswahn der Präsidentschaft Trumps zu verfallen. Und der Plan ging auf, ich wurde fündig. Da gab es kritische Selbsthinterfragung, Rezeptvorschläge für die Zukunft, grimmige Aufbruchsstimmung. Angerührt von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten: Sam Harris etwa, der als Rassist und Islamhasser verschrien wird. Nick Cohen, der von der britischen Linken, deren Kämpfe er mitgefochten hat, wie ein Aussätziger behandelt wird. Oder Maajid Nawaz, der Islamreformer, der von links als „native informant“ und Hassprediger diskreditiert wird. Aber was wäre, wenn Augstein, wenn Chomsky die Stimmen meiner Wahl gewesen wären? Ich denke, ich hätte mich verkriechen oder erschießen müssen. Nein, die Wahl Trumps muss nicht das Ende des Westens bedeuten. Der Moralmasochismus muss es auch nicht. Aber beide dürfen sich Chancen ausrechnen.

Habermas papam?

Jürgen Habermas ist das geistige Oberhaupt Deutschlands. Was bedeutet das für dieses Land?

Wer ist der global einflussreichste deutsche Denker der Gegenwart? Verschiedenen internationalen Ranglisten der letzten Jahre zufolge ist es der Philosoph Jürgen Habermas (das Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut und das britische Prospect Magazine veröffentlichen jährlich solche Listen – meines Wissens die einzigen dieser Art). Ich muss gestehen, dass ich noch nie etwas von Habermas gelesen habe – auch wenn ich meine, schon das ein oder andere Mal über seinen Namen gestolpert zu sein, wobei das möglicherweise nur Einbildung ist. Ich habe aber auch folgenden Verdacht: die Gruppe Menschen, die Habermas‘ Schriften und Ideen kennt, ist ein gleichsam spezialisiert belesener wie erlesen kleiner Kreis. Mit anderen Worten: kaum eine Sau hat Jürgen Habermas gelesen. (Das ist weder wertend gemeint, noch stellt es seinen Status als „einflussreicher Denker“ in Abrede – Ideen, ob gute oder schlechte, brauchen keine breite Leserschaft, um sich zu verbreiten. Wie viele Menschen haben tatsächlich die Bibel, Marx, Freud oder de Beauvoir gelesen?) Je nach Jahr und Quelle lässt sich in diesen Intellektuellencharts noch ein kleines Sprengsel weiterer deutscher Namen zusammenkratzen: Ratzinger. Sloterdijk. Sarrazin. Da ist sie also, die deutsche Speerspitze auf dem internationalen Kampfplatz der Ideen, Durchschnittsalter 79. Und ich muss mich wundern: Ist Deutschlands intellektuelle Landschaft wirklich so brutal öde?

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Hier sehen Sie Deutschlands intellektuelle Crème de la Crème.

Gleich hinterher: hier geht es nicht um Inhalte. Ratzinger, Sloterdijk und Sarrazin reihen sich in meinem virtuellen Regal ungelesener Autoren gleich neben Habermas ein. Selbst wenn ich wollte, könnte ich hier also nicht über Inhalte schreiben. Habermas‘ Hauptwerk untersucht Wesen, Wirken und Potentiale von Kommunikation in der Gesellschaft (ausgerechnet die Kommunikation von Ideen scheint dabei nicht gerade Habermas‘ Stärke zu sein). Ratzinger ist Ex-Papst, ich weiß, dass er im Bundestag einmal in einer ziemlich dämlichen Rede vor den Gefahren eines wissenschaftlichen Weltbilds gewarnt und sich im Zuge des Missbrauchsskandals seiner Kirche moralisch über alle Maßen blamiert hat. Von Sloterdijk weiß ich nur, dass er in der Flüchtlingsdebatte unangenehm aufgefallen ist, mal einen Philosophietalk kurz vor Mitternacht moderierte und jetzt mit 69 einen Roman über den weiblichen Orgasmus geschrieben hat. Sarrazin hat in den Talkrunden, in denen ich ihn gesehen habe, auf mich eigentlich einen immer recht kauzig-sympathischen Eindruck gemacht, wären da nicht seine abtörnenden biologistischen Tendenzen.

Aber geschenkt, es geht nicht um Inhalte. Der Punkt ist: Der einzige Denker aus dieser Reihe, der einem breiten Publikum bekannt ist, ist Thilo Sarrazin. Er hat immerhin ein paar Bestseller geschrieben und war sich nicht zu schade, seine Thesen bei Maischberger und Co. sowie in den Kulturteilen deutscher Zeitungen darzulegen und zu verteidigen. Habermas, Ratzinger und Sloterdijk dagegen, so einflussreich sie auch sein mögen, schreiben für ein ganz anderes Publikum. Oder schreiben sie überhaupt für ein Publikum? Eigentlich habe ich eher den Eindruck, dass ihnen das Publikum schnurzegal ist – sie schreiben für ihresgleichen, und zu ihresgleichen, dazu gehöre definitiv nicht ich. Habermas, Ratzinger und Sloterdijk, die drei Fragezeichen, sie wirken auf mich wie ein Geheimclub ergrauter Hermeneuten, die in Elfenbeintürmen wohlklingende, verschwurbelte Weltdeutungen zusammenbrauen, welche dann von Soziologen, Philosophen und Theologen in muffigen Seminarräumen zerkaut und verdaut werden.

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Bei der Betrachtung der übrigen Namen auf diesen Listen fallen zwei Dinge auf. Erstens, der überproportionale Anteil von Denkern aus der Anglosphäre (USA, Großbritannien, Kanada, Australien). Zweitens, der vertraute Klang ihrer Namen – ihre Popularität – und, bemerkenswerter noch, die Vertrautheit mit ihren Thesen und Positionen. Richard Dawkins (egoistisches Gen), Noam Chomsky (militärisch-industrieller Komplex), Daniel Kahneman (Prospect Theory), Steven Pinker (Rückgang von Gewalt), Peter Singer (effektiver Altruismus), Paul Krugman (Staatsschulden, yeah!), Jared Diamond (Wohlstandsgefälle zwischen Zivilisationen), Al Gore (Klimawandel), Edward Snowden, Glenn Greenwald (Überwachung), Naomi Klein (Shock Doctrine). Was all diese Biologen, Linguisten, Ökonomen, Anthropologen, Politiker, Whistleblower und Journalisten gemein haben, ist dass sie in ihrem jeweiligen Feld oft Bahnbrechendes geleistet haben und gleichzeitig prominente Gestalten des öffentlichen Lebens sind. Viele von ihnen haben neben „seriösen“ Arbeiten populär(wissenschaftlich)e Bücher geschrieben, die sich oft monatelang in Bestseller-Listen hielten. Sie halten Lesungen, sie sind gefragte TV-Gäste, locken Hunderte, oft Tausende Zuhörer zu ihren öffentlichen Podiumsdiskussionen, die hinterher auf Youtube hunderttausende Klicks einfahren. Nicht nur Fachpresse und Feuilleton nehmen ihre Ideen auseinander, auch in Politik, Kultur und Gesellschaft ist ihr Einfluss spürbar. Damit befinden sich diese Denker was Öffentlichkeit angeht in einer komplett anderen Dimension als ihre deutschsprachigen Kollegen. Das kann nicht allein an der Sprachbarriere liegen. Immerhin gab es auch eine Zeit (was bin ich froh, dass es nicht meine ist), da waren Baudrillard, Deleuze, Derrida und Foucault die bestimmenden Figuren der internationalen Intellektuellenszene. Und wenn es jemanden gibt, der das Englische noch schlechter beherrscht als die Deutschen, dann die Franzosen. Sprache allein erklärt noch nichts.

Eine vielversprechendere Spur bietet in meinen Augen das Wesen des deutschen Intellektuellen. Erfolg bei den Massen ist im Allgemeinen kein Grund für Deutschlands Denker, stolz zu sein – Intelligibilität gilt unter deutschsprachigen Intellektuellen nicht als Aushängeschild, sondern als Stigma. Geistige Tiefe und breite Rezeption schließen sich aus, so der Gedanke – ein urdeutsches Phänomen. Genie macht einsam. Und so lässt sich die Popularität anglophoner Denker aus deutscher Dichter-und-Denker-Sicht bequem mit Oberflächlichkeit und Geistlosigkeit wegerklären. Oder – eine Nummer härter, aber prinzipiell das Gleiche – man lacrimosert über einen allesverderbenden Kulturimperialismus von jenseits des Atlantiks.

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Amerikaner, Kanadier, Engländer, Australier – Kulturimperialisten unite!

Nun ist es unwahrscheinlich, dass deutsche Intellektuelle genetisch oder kulturell bedingt aus einem tieferen geistigen Potential schöpfen können als englischsprachige Denker, und auch der Gedanke, dass amerikanische Intellektuelle das europäische Denken kulturimperialistisch unterworfen haben sollen, klingt nach einer traurigen Ausrede. Ich glaube schlicht, dass das deutsche Geistesleben sich in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet, und dass dies ein hausgemachtes Problem ist.

Es gab eine Zeit nach 1945, in der die Stimmen in Deutschland geborener Denker international ein enormes Gewicht hatten – nur prägten sie den Diskurs zu einem großen Teil nicht aus Deutschland heraus, sondern aus den USA. Ich denke an Hannah Arendt, Theodor Adorno, Max Horkheimer oder Herbert Marcuse (übrigens: kein Englisch-As darunter). Wenn man Deutschlands heutige geistige Dürreperiode verstehen will, führt kein Weg am Elefanten im Raum vorbei: die in den Jahren ’33 bis ’45 massenhaft erfolgte Emigration jüdischer Denker war ein Braindrain sondergleichen. Ein solcher intellektueller Kahlschlag muss Spuren hinterlassen. Diejenigen volksdeutschen Intellektuellen, die sich von den Nazis den Marsch blasen ließen – was hatten sie nach ’45 noch zu melden? Sie waren moralisch bankrott. Hoch verschuldet. Weiterhin intellektuell Kredit erhielten nur jene Denker, deren Weltentwürfe essenzialistisch genug waren, um alles oder auch nichts bedeuten zu können (so gelang es einem vor dem Führer buckelnden Waldgeist wie Heidegger, sich weitgehend unbeschadet aus der Affäre zu ziehen). Die in Deutschland verbliebene Intelligenz war zu einer Pariahgemeinde geworden, und diesen Schandfleck sollte man so schnell nicht wieder loswerden. Symptomatisch dafür der Historikerstreit in den 80er-Jahren, in denen der Versuch unternommen wurde, einige Geister der Vergangenheit zu vertreiben. Es war nebenbei bemerkt die letzte große, auf nationaler Ebene mit offenem Visier geführte Debatte, die größere Teile der Gesellschaft zu elektrisieren vermochte.

Den Fehdehandschuh warf damals übrigens niemand anderes als Jürgen Habermas – die Tatsache, dass es sich bei der prägenden Gestalt des intellektuellen Deutschlands heute wie vor 30 Jahren um ein und dieselbe Person handelt, zeugt entweder von der geistigen Größe Habermas‘ oder vom Mangel an intellektueller Konkurrenz (oder von beidem).

Historische Altlasten sorgen immer noch dafür, dass sich in Deutschland keine lebendige Intellektuellenszene herausbilden will, die sich ungezwungen und ohne Berührungsängste in gesellschaftliche Debatten einbringt. Hinzu kommt dass Deutschlands Intellektuelle dazu tendieren, der breiten Bevölkerung mit Misstrauen, wenn nicht sogar mit Verachtung zu begegnen. Und das beruht leider auf Gegenseitigkeit. Das Misstrauen gegenüber den Massen in Deutschland hängt mit seiner demokratischen Unreife zusammen. Deutschlands Demokratie ist nicht gewachsen, wurde auch nicht erkämpft. Sie wurde dem Land übergestülpt. Und der Anzug scheint immer noch nicht recht zu passen. Gemessen am Verhalten von Intelligenz, Politik und Medien hat man den Eindruck, dass Deutschlands geistige Eliten der Bevölkerung als Gemeinschaft mündiger Individuen noch immer nicht so recht über den Weg trauen. Es gibt Denkverbote (Holocaustleugnung, Volksverhetzung), Blasphemiegesetze und einen Paragraphen, der ausländische Staatschefs vor Beleidigung schützt. Es existiert eine staatliche Zensurstelle, die darüber entscheidet, welche Bücher, Musik, Filme und Computerspiele volljährige Staatsbürger konsumieren dürfen. Eine Richtlinie des deutschen Pressekodex rät von der Nennung ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit von Straftätern ab, um nationale Minderheiten vor Diskriminierung zu schützen. Meinungs- und Informationsfreiheit werden in Deutschland selektiv gehandhabt. All dies geschieht zwar in bester Absicht, nämlich den sozialen Frieden im Land zu wahren, aber so oder so wirft es kein gutes Licht auf den Reifezustand einer demokratischer Kultur: letztlich greift der deutsche Staat anlasslos in grundlegende Persönlichkeitsrechte ein, und dann ist es egal, ob er es gut oder böse mit uns meint. Er ist im Unrecht.

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Drei Kulturerzeugnisse, die so gefährlich und gesellschaftszersetzend sind, dass erwachsenen Menschen in Deutschland nicht gestattet ist, selbst darüber zu entscheiden, sie zu konsumieren: der Softporno „Der Krankenschwestern-Report“ (1972), das Videospiel „Mortal Kombat“ (1992) und die Punkrockscheibe „Eating Lamb“ von NOFX.

Das Misstrauen gegenüber der Masse ist dabei nicht nur Sache der politischen und intellektuellen Eliten. Es handelt sich um ein breiteres Problem, ein Basisproblem. Wenn immer mehr Menschen in politischen Wahlen nichts weiter sehen als eine Farce, wenn sie in gewählten Staatsvertretern bloß Marionetten diffuser Strippenzieher zu erkennen glauben (die wahlweise die Interessen der Wirtschaft, des militärisch-industriellen Komplexes oder auch altmodischer: des Weltjudentums durchdrücken), dann ist das deutsche Demokratieproblem in der Mitte der Bevölkerung angekommen. Es sind nicht nur Fans von KenFM oder PEGIDA und selbsterklärte Reichsbürger, die sich diesem in letzter Konsequenz defätistischen Weltbild hingeben. In den Youtube-Kommentarspalten der fest im gesellschaftlichen Mainstream verankerten Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens oder des auf ein jüngeres Zielpublikum ausgerichteten Infokanals Jung & naiv (mit immerhin 16 Millionen Klicks) finden sich reihenweise Beiträge, in denen ein erleuchteter Zirkel Weltdurchschauer über die grenzenlose Dummheit und Leichtgläubigkeit der Massen überlegen lächelt: „Wie blind,“ so der Tenor, „muss man sein, nicht zu erkennen, dass uns die Strategen der Neuen Weltordnung mit ihrer Politikposse nach allen Regeln der Kunst manipulieren und belügen?“ „Traue keinem Politiker, keinem Journalisten und keinem sogenannten Experten!“

jungnaiv

Ausgewählte Kommentare unter den Videos des Youtube-Kanals Jung & naiv.

Keine Ahnung, wie in einem solchen Klima eine offene, ehrliche und ergebnisorientierte Debattenkultur entstehen soll, wenn sich die eine Seite nach dem Muster einer selbsterfüllenden Prophezeiung immer weiter von der eigenen Sprach- und Machtlosigkeit zu überzeugen versucht, und die andere Seite die Volksmasse als ein zu kontrollierendes Sicherheitsrisiko für die gesellschaftliche Ordnung wahrnimmt. Ohne gegenseitiges Vertrauen keine Demokratie.

Ein anderes untrügliches Zeichen für Deutschlands fehlende demokratische Reife ist der Mangel an Streitkultur. Beispielsweise haben Debattierclubs an Schulen und Universitäten in den Ländern der Anglosphäre eine lange Tradition, im Gegensatz zu Deutschland. Ich habe während meiner kompletten Schullaufbahn kein einziges Mal an einer ordentlichen Debatte teilnehmen müssen, weder als Diskutant noch als Zuhörer. Was ist das für ein Verständnis von Bildung und Persönlichkeitsentwicklung? Dann wären da noch die deutschen Hochschulen, die international längst kein so hohes Ansehen mehr genießen (wieviele Studenten aus dem Ausland es wohl noch nach Deutschland verschlagen würde, wenn die Studiengebühren nicht so niedrig wären?). Universitäten sind die Knotenpunkte des intellektuellen Lebens, doch wo an deutschen Unis zwar studiert, aber nicht gelebt und sozialisiert wird, organisiert sich das Leben an britischen und amerikanischen Hochschulen um den Campus herum: ein eigener Mikrokosmos, eine Art Staat im Staat, mit eigenen Unterkünften, Bibliotheken, Bars und Bühnen, wo Studenten gemeinsam leben, lernen und sich austauschen, wo sie sich auch ins Private zurückziehen können. Der Kontakt zu den Professoren ist im Allgemeinen persönlicher und weniger autoritär geprägt – eigentlich ein Bestandteil des Humboldtschen Bildungsideals. Kein Wunder, dass man in einer solchen Umgebung die eigenen Überzeugungen und Ideen nachdrücklicher zu formulieren und vertreten lernt – mittlerweile leider auch bis ins Perverse nachdrücklich: an den amerikanischen Unis tobt (mal wieder) ein Kulturkrieg, in dessen Mittelpunkt ein lautstarker, hysterischer Mob steht, der vor unliebigen, abweichenden Meinungen auf dem Campus (der Campus ist nicht genug, steht zu befürchten) geschützt werden will. Die Kampfbegriffe lauten Safe Spaces, Micro Aggressions und Trigger Warnings. Diesen selbstherrlichen Befindlichkeitsfetischisten bläst glücklicherweise ein immer heftigerer Gegenwind ins Gesicht und es bleibt zu hoffen, dass sie vielleicht irgendwann erwachsen werden.

Aber zurück nach Deutschland, wo sich die Streitkultur auch außerhalb der Bildungsstätten in einem beklagenswerten Zustand befindet. Die Talkrunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sind nahezu beliebig austauschbar, die Diskussionen blutleer. Die am häufigsten eingeladenen Gäste sind nicht etwa unabhängige Experten, Buchautoren oder Journalisten, sondern Politiker – nicht unbedingt die Gesellschaftsgruppe, der man in einer öffentlichen Debatte zutrauen würde, unbefangen, furchtlos und ideologiefrei die drängenden Probleme unserer Zeit anzugreifen (nicht das Politiker automatisch Obskuranten oder Lügner wären, aber sie müssen bei allem was sie sagen ihre Parteilinie und Wählerzielgruppe im Blick behalten). Und so laufen die meisten „Diskussionen“ entweder auf einen zahmen Konsens potentieller Bündnispartner oder aber die Diskreditierung politischer Gegner hinaus. Eine ergebnisoffene, kontrovers geführte Debatte kann so kaum stattfinden. (Freunde sagen mir, dass das in den Talkrunden im Radio anders sei, aber ich frage mich, wieviele Menschen das Kulturradio erreicht?) Zu selten wird aggressiv gestritten, auch weil die Moderation ihren Job zu wörtlich nimmt. Wer sich dagegen in den USA oder in England in ein TV-Studio begibt, muss damit rechnen, über offener Flamme gegrillt zu werden (Frauke Petry hat das zuletzt erfahren und sich übrigens erschreckend gut geschlagen, hatte vielleicht mit ihrer Studienzeit in England zu tun).

jungnaiv

Schaffte es auch mit gepunkteten rosa Krawatten auf Platz 1 der meisteingeladenen Talkshow-Gäste 2015: Wolfgang Bosbach.

In den 90er-Jahren hatten die USA ihre Culture- und Science-Wars, zu denen alle Zeitungen und TV-Stationen der Nation ihren Senf dazugaben. Heute ist parallel zu den weiter oben erwähnten Auseinandersetzungen an den Hochschulen eine heftige nationale Rassismus-Debatte im Gange, die das Land in Atem hält, und zu der jeder eine Meinung hat, von Barack Obama bis hin zum Youtube-Vlogger. Zugegeben, dabei tun sich mitunter Gräben auf, die die Gesellschaft zu zerreißen drohen. Dennoch, einen solch selbstbewussten, konfrontativen Umgang mit divergierenden Standpunkten habe ich in Deutschland noch nicht erlebt. Dazu fehlt es hierzulande auch an Protagonisten und Antagonisten. Um eine gesamtgesellschaftliche Debatte anzustoßen sind Habermas, Sloterdijk und Ratzinger viel zu unsichtbar. Und gegen wen reden sie überhaupt an? Wer sind ihre intellektuellen Gegenspieler? Mit wem haben sie Beef? Schaut man in die USA oder nach England, verliert man schnell den Überblick in einem Gewirr enorm unterhaltsamer und anregender Fehden zwischen Intellektuellen. Warum gibt es das nicht in Deutschland? Man kann das natürlich dahingehend interpretieren, dass in Deutschland eben etwas sachlicher, erwachsener, akademischer debattiert wird. Aber vielleicht sind die öffentlichen Diskussionen in Deutschland, wenn sie denn mal stattfinden, auch einfach nur arschlangweilig. Sarrazin ist in dieser Reihe wieder ein Sonderfall, denn er hat viele erklärte Feinde – aber kaum ein öffentlicher Denker des Establishments wagt es, seine Thesen ernsthaft auf Brauchbares abzuklopfen, stattdessen überbietet man sich gegenseitig in Ostrazismus. Virtue signalling nennt man das im englischsprachigen Raum – statt den Gegner argumentativ anzugreifen, wird lieber die eigene moralische Überlegenheit zur Schau gestellt, um sich mit dem Bildungsbürger-Publikum zu verbrüdern. Man sagt nicht das, wovon man überzeugt ist, sondern das, was von einem erwartet wird. In diesem Moment ist demokratische Kultur aber nur noch ein Maskenball. Wer Demokratie nicht verinnerlicht hat, muss sie eben spielen.